Inter­view: Daniel von Aarburg

 

Was hat Sie dazu gebracht, einen Film über Hugo Koblet zu machen?

Ich stiess eines Tages auf einen Foto­band über Koblet, der mich gleich in sei­nen Bann zog. Was für Bil­der, was für ein Leben, sagte ich mir. Eine hoch­dra­ma­ti­sche Geschichte eines gefal­le­nen Göt­ter­lieb­lings und ein illus­tres Stück Schwei­zer Sport­ge­schichte, des­sen Poten­zial bis anhin unver­filmt war. Ich inter­es­siere mich seit jeher für Sport, bin per­sön­lich aber durch Fuss­ball sozia­li­siert wor­den und fahre seit ein paar Jah­ren hob­by­mäs­sig Moun­tain­bike und Renn­rad. Die sagen­hafte “K&K”-Epoche im Schwei­zer Rad­sport kannte ich nur aus Erzäh­lun­gen mei­nes Vaters, der anhal­tend davon schwärmte. Erfreu­li­cher­weise waren auch meine Pro­du­zen­tin­nen Cor­ne­lia Seit­ler und Bri­gitte Hofer von maxi­mage sehr ange­tan vom Stoff und somit war klar, dass wir vor­wärts machen wol­len und rasch an die noch leben­den Zeit­zeu­gen her­an­zu­tre­ten haben. Die Zeit eilte – die sind alle über 80. Ins­be­son­dere Ferdy Küb­ler, Koblets Dauer-Kontrahent, war für mich von ent­schei­den­der Wich­tig­keit. Die Kon­kur­renz­si­tua­tion die­ser bei­den begna­de­ten Rad­renn­fah­rer inter­es­sierte mich beson­ders, waren doch beide so ver­schie­den: Der dis­zi­pli­nierte Sau­ber­mann Küb­ler gegen den fide­len Lebe­mann Koblet, die typisch schwei­ze­ri­schen Sekun­där­tu­gen­den gegen die Non­cha­lance eines Weltbürgers.

 

Die Witwe von Hugo Koblet, das dama­lige Man­ne­quin Sonja Bühl kommt nicht vor im Film. Warum?

Ich habe über ein Jahr lang ver­sucht, Frau Koblet zu einer Mit­ar­beit zu bewe­gen. Sie ist eine in jeder Hin­sicht aus­ser­ge­wöhn­li­che Per­sön­lich­keit, die ich unbe­dingt im Film haben wollte. Nach lan­gem Drän­gen hat sie mich dann schliess­lich – sehr stil­voll – bei sich zuhause emp­fan­gen und mir dabei klar und auch nach­voll­zieh­bar gemacht, dass sie sich heute nicht mehr öffent­lich über ihren Mann zu äus­sern wün­sche. Etwas, was ich schliess­lich wohl oder übel zu akzep­tie­ren hatte. Aller­dings durfte ich sie jeder­zeit anru­fen, wenn ich Fra­gen hatte oder auf Wider­sprü­che stiess. Ein Ange­bot, das ich dan­kend genutzt habe. Auch gegen­über den nach­ge­stell­ten Schlüs­sel­sze­nen im Film, die vor allem das pri­vate Leben ihres Man­nes zei­gen, hatte sie nichts einzuwenden.

 

Warum haben Sie sich für die Form des Doku-Dramas entschieden?

Ich hatte gross­ar­ti­ges Archiv­ma­te­rial, um Koblet als legen­dä­ren Rad­renn­fah­rer zu zei­gen. Jede Fik­tio­na­li­sie­rung des Renn­ge­sche­hens hätte gegen die­ses Mate­rial den Kür­ze­ren gezo­gen. Über seine gros­sen inter­na­tio­na­len Erfolge hat Koblet in Ich-Form auch eine Art Renn­ta­ge­buch geführt, das jeweils unmit­tel­bar im Anschluss der Renn­fahr­ten in Heft­form erschie­nen ist. Diese Renn­ta­ge­bü­cher bil­de­ten Inspi­ra­tion und Grund­lage sei­nes inne­ren Mono­logs im Film. Aus­ser­dem gab es ein Dut­zend inter­es­sante und gesprächs­be­reite Zeit­zeu­gen, die sein Han­deln kom­men­tie­ren und ana­ly­sie­ren konn­ten, ähn­lich dem Chor im anti­ken Drama. Doch wie konnte ich sein Pri­vat­le­ben zei­gen? Nota­bene war das ein zen­tra­ler Bestand­teil des Phä­no­mens Koblet, wel­ches die Gerüch­te­kü­che der rigi­den Nach­kriegs­jahre regel­mäs­sig zum Bro­deln brachte und den Bou­le­vard­blät­tern unzäh­lige Schlag­zei­len bescherte. Aber genau zu die­sen “schwar­zen Löchern” in Koblets Bio­gra­phie – sei­nem Tod, sei­nem Ver­hält­nis zu den Frauen, ins­be­son­dere auch zu sei­ner Mut­ter, den Doping­ge­rüch­ten – waren die Zeit­zeu­gen ent­we­der höf­lich schweig­sam oder sehr wider­sprüch­lich. So habe ich mich dazu ent­schie­den, Schlüs­sel­sze­nen rund um jene dunk­len Punkte in Koblets Bio­gra­phie zu insze­nie­ren. Mei­ner Mei­nung nach konnte ich nur so sowohl dem Gla­mour wie auch der Zwie­späl­tig­keit sei­nes Wesens gerecht wer­den und eine Selbst­my­tho­lo­gi­sie­rung Koblets umgehen.

 

Wie sind Sie vor­ge­gan­gen bei der Ver­knüp­fung von Spiel­sze­nen, Archiv­ma­te­rial und Zeitzeugeninterviews?

Ich habe – des hohen Alters der Zeit­zeu­gen wegen – umge­hend mit den Inter­views begon­nen. Ich wollte sie mög­lichst unge­hemmt erzäh­len las­sen und mir dann die bes­ten Momente raus­su­chen und sie nicht zu rei­nen Funk­ti­ons­trä­gern in einer bereits vor­de­fi­nier­ten Erzäh­lung machen, wo sie dann jeweils auf Kom­mando jenen Satz abzu­son­dern hät­ten, der für die Nar­ra­tion unbe­dingt not­wen­dig war. Nach­dem ich die umfang­rei­chen Inter­views auf die bes­ten Aus­sa­gen hin visio­niert und pro­to­kol­liert hatte, habe ich in ita­lie­ni­schen, fran­zö­si­schen und eid­ge­nös­si­schen Archi­ven alles Mate­rial gesich­tet, das es über Koblet gab. Anschlies­send habe ich die Spiel­sze­nen, von denen es einen ers­ten Ent­wurf gab, zusam­men mit einem Dreh­buch­au­tor ange­passt. Das ideale Zusam­men­spiel der drei Ebe­nen zu fin­den, war jedoch kein linea­rer Pro­zess, denn sie haben sich mit fort­schrei­ten­der Arbeit dau­ernd ver­än­dert und so auf­ein­an­der ein­ge­wirkt. Es war eigent­lich ein andau­ern­des Aus­ta­rie­ren der Ebe­nen vom Dreh­buch­ent­wurf bis zum Schnitt. Die grösste Her­aus­for­de­rung war es, den rich­ti­gen Rhyth­mus zwi­schen den drei Ebe­nen zu fin­den. Alle drei muss­ten immer im Spiel blei­ben und es galt die rich­tige Balance zu fin­den, wann was wie erzählt wer­den sollte und wann Redun­dan­zen dem Film zugute kamen und wann sie den Erzähl­rhyth­mus eher brems­ten. Es ist der grosse Ver­dienst mei­nes Edi­tors Ste­fan Kälin, dass wir schluss­end­lich das rich­tige “Fein­tu­ning” gefun­den haben und ich mich in Würde von zahl­rei­chen “Dar­lings” ver­ab­schie­den konnte, die man als Autor und Regis­seur auch noch gerne im Film gehabt hätte.

 

Die Spiel­sze­nen wir­ken thea­tra­lisch, haben den Duk­tus der dama­li­gen Zeit. Ist das absicht­lich so gemacht?

In der Tat, das ist gewollt. Damit diese Sze­nen mit den Ori­gi­nal­auf­nah­men und den Zeit­zeu­gen­in­ter­views gut ver­wo­ben wer­den konn­ten, habe ich diese ange­lehnt an den Stil von Fil­men der 50er Jahre insze­niert. Wir hat­ten uns vor­ge­nom­men, die Spiel­sze­nen so zu gestal­ten, wie wenn sie aus einem bis­her unver­öf­fent­lich­ten Spiel­film über Hugo Koblet aus jener Zeit stamm­ten. Sie soll­ten sich in die Epo­che ein­fü­gen, nicht als moder­ner Fremd­kör­per her­aus­ste­chen. Vom Schau­spiel, der Décou­page und Cadrage her, waren Kurt Frühs “Bäcke­rei Zür­rer” und “Taxi­fah­rer Bänz” Refe­renz­filme, im Sub­plot geht es bei bei­den ja auch um Sport. Fürs Licht und die Farb­ge­stal­tung des Films haben Kame­ra­mann Pierre Men­nel und ich uns eben­falls von den (weni­gen) Schwei­zer Farb­fil­men aus jener Zeit inspi­rie­ren las­sen. Wer sich die Stil­mit­tel einer bestimm­ten Zeit aneig­nen will, muss sich gut vor­be­rei­ten: epo­chen­ge­treue Aus­stat­tung (Monica Rott­meyer), damals gän­gi­ges Film­ma­te­rial, eine für heu­tige Ver­hält­nisse thea­tra­lisch anmu­tende Dar­stel­lung der Schau­spie­ler. Ich muss aller­dings ein­räu­men, dass wir vor allem bei den Dia­lo­gen und dem Rhyth­mus der Sze­nen einige Kon­zes­sio­nen mach­ten und sie etwas tem­po­rei­cher und poin­tier­ter ausarbeiteten.

 

Hugo Koblet raste erst 39 Jahre jung in den Tod. Bis heute bleibt unge­klärt, ob es sichda­bei um einen Unfall oder einen Selbst­mord han­delt. Prä­sen­tiert der Film dies­be­züg­lich neue Fakten?

Nein, wird sind so klug wie zuvor. An der Fak­ten­lage hat sich nichts geän­dert, es darf also wei­ter spe­ku­liert wer­den. Den angeb­li­chen Abschieds­brief, den er geschrie­ben haben soll, haben auch wir nicht gefun­den. Es gab mal die Idee, den Film kri­mi­na­lis­tisch auf­zu­zie­hen, sprich anhand neuer Indi­zien oder gar Bewei­sen Licht in die mys­te­riö­sen Umstände sei­nes Todes zu brin­gen – die­ser jour­na­lis­ti­sche ‘Scoop’ blieb jedoch aus. Es war schnell klar, dass seine schil­lernde Per­sön­lich­keit mit all ihren Abgrün­den weit span­nen­der ist, als die Umstände sei­nes Todes. Koblets Leben ist die moderne Ver­sion des Ikarus-Dramas. Der Göt­ter­lieb­ling, dem alles leich­ter fällt als allen ande­ren, will zu hoch hin­aus und stürzt ab. Die­ses Schei­tern, das dem sagen­haf­ten Erfolg inne­wohnt, hat mich schliess­lich weit mehr ange­zo­gen als der Anspruch, neue Beweise auf­de­cken zu wollen.

 

Was trieb Hugo Koblet zu solch phä­no­me­na­len Leis­tun­gen an?

Er wollte gefal­len, wer will das nicht? Aber Koblet wollte allen gefal­len – bis zur kom­plet­ten Selbst­auf­gabe. Er war süch­tig nach Aner­ken­nung und suchte sie bis­wei­len ver­zwei­felt, als er etwa als Tank­stel­len­be­sit­zer allen auch nur halb­wegs bekann­ten Kun­den den Tank umsonst füllte. Gegen Ende sei­ner Kar­riere litt auch seine Popu­la­ri­tät, was er kaum ertrug und was ihn wohl in den Tod trieb. Diese dunkle Seite des Strah­le­manns wollte damals aber nie­mand sehen, er war eine Pro­jek­ti­ons­flä­che für Erfolg. Erste Ver­mu­tun­gen über einen mög­li­chen Sui­zid wur­den in der Öffent­lich­keit erst aufs Hef­tigste zurück­ge­wie­sen. Beim Schnitt des Films machte ich dies­be­züg­lich eine ähn­li­che Erfah­rung. Wir hat­ten erst eine Ver­sion in der die Kamera bei der Fahrt in den Baum bei ihm im Auto bleibt und Gross­auf­nah­men von sei­nen letz­ten Momen­ten zeigt. Selt­sa­mer­weise stellte uns diese Szene nie zufrie­den, bis wir bemerk­ten, dass auch wir es nicht ertra­gen konn­ten, den Gold­jun­gen Koblet auf so pro­fane Weise aus dem Leben tre­ten zu sehen. So wie das Volks­emp­fin­den damals, war auch unse­res im Schnitt: Ein Göt­ter­lieb­ling konnte doch nicht ein­fach so sterben.

 

Der Anfang vom Ende Hugo Koblets war ein Doping­miss­brauch. Wel­che Rolle spielte damals Doping im Radsport?

Doping war zwar ver­bo­ten, aller­dings gab es weder Kon­trol­len noch Nach­weis­me­tho­den, sodass man die Sport­ler ein­fach gewäh­ren liess. Weit ent­fernt von der heu­ti­gen Pro­fes­sio­na­li­tät wurde damals ohne Sys­tem und ärzt­li­che Auf­sicht gedopt. Ein­mal brachte der Mas­seur ein paar Pil­len mit, dann kam der Arzt mal wie­der mit einer neuen Sub­stanz vor­bei. Das mutet im Ver­gleich zu heute stüm­per­haft und fahr­läs­sig an. Koblet hielt sich anfangs wohl aus die­sem Spiel raus, weil er es schlicht nicht nötig hatte und den andern auch “sau­ber” über­le­gen war. Auch sonst war der Rad­renn­sport weit ent­fernt vom sport­wis­sen­schaft­li­chen Niveau heu­ti­ger Tage. Da man bei­spiels­weise nur an offi­zi­el­len Ver­pfle­gungs­punk­ten Getränke bekam, stürm­ten die Was­ser­trä­ger schon mal Wirts­häu­ser auf der Stre­cke und behän­dig­ten sich Flüs­sig­kei­ten aller Art. Es gibt von Koblet einen Ein­trag in den Renn­me­moi­ren des Giros von 1950, dass er sich mit einem Team­kol­le­gen wäh­rend der Etappe ein Gelati geneh­migt und den Durst danach mit einem Bier her­un­ter­ge­spült habe. Man stelle sich das heute bei einem Lance Arm­strong vor.