Inter­view: Manuel Löwensberg

 

Wie kamen Sie zur Haupt­rolle im Film?

Regis­seur Daniel von Aar­burg trat an mich heran, weil er den Arbei­ter­sohn aus der Stadt Zürich von einem Schau­spie­ler mit Zür­cher Dia­lekt dar­ge­stellt haben wollte. Ich habe zudem das rich­tige Alter und sehe ihm ein biss­chen ähn­lich – nur die Grösse stimmt nicht, Koblet war eini­ges grö­ßer als ich. Aber das fiel zum Glück nicht ins Gewicht und ich konnte die Her­aus­for­de­rung freu­dig anneh­men. Ich kannte die­ses Kapi­tel der Schwei­zer Sport­ge­schichte als Zuspät­ge­bo­re­ner aller­dings nur vom Hören­sa­gen. Ich wusste nur von Küb­ler, wahr­schein­lich weil er noch lebt und ich ihn als Kind von der Wer­bung kenne – bes­ser gesagt vor allem seine Nase. Die meis­ten in mei­nem Umfeld erin­nern sich nur noch an Küb­ler und haben den gro­ßen Koblet schon ver­ges­sen. Hof­fent­lich wird dies nun anders.

 

Was ging in Ihnen vor, als Sie sich mit der Rolle ver­traut mach­ten und mehr über das Leben von Hugo Koblet erfuhren?

Ich hatte anfäng­lich gros­sen Respekt vor die­sem phä­no­me­na­len Rad­renn­fah­rer und sei­nem gla­mou­rö­sen Leben. Er schien so leicht­füs­sig und beschwingt durchs Leben zu hüp­fen. Doch je mehr ich über ihn erfuhr, desto trau­ri­ger wurde ich. Koblets unauf­hör­li­cher Drang allen gefal­len zu wol­len, wie der ‘Hugi’ sich sei­ner Mut­ter auf inzes­tuöse Weise ver­pflich­tet fühlte und wie kon­se­quent er Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­mei­den wollte, all das fing an, mich zu bee­len­den. Da klaffte wohl eine große Lücke zwi­schen sei­ner Selbst­in­sze­nie­rung und sei­nem Innen­le­ben. Wo immer ich heute nach­frage, auch 60 Jahre spä­ter loben ihn alle ein­hel­lig in den höchs­ten Tönen. Die­ses Bild des makel­lo­sen Hel­den auf­recht zu erhal­ten, muss sehr anstren­gend gewe­sen sein. Als Schau­spie­ler steht es mir zwar nicht an, über die Cha­rak­tere zu rich­ten, doch sol­che Mus­ter sind wich­tig, um mich der Figur nähern zu kön­nen, sie sind das soge­nannte Fut­ter für den Schau­spie­ler. Das Zeit­ko­lo­rit der 50er Jahre fin­det sich in den insze­nier­ten Spiel­sze­nen nicht bloss im Visu­el­len son­dern auch im thea­tra­li­schen Duk­tus der Schauspieler.

 

Wie war das, auf eine so unge­wohnte Weise spie­len zu müssen?

In die­ser Zeit wur­den Sze­nen viel weni­ger häu­fig geschnit­ten; in Plan­se­quen­zen wurde am Stück gedreht; in die­sen sind meist alle Schau­spie­ler zu sehen sind, und es gab kaum Nah­auf­nah­men. Es war damals auch üblich, viele Sze­nen mit die­sem selt­sa­men, bedeu­tungs­schwan­ge­ren Blick und dra­ma­ti­scher Musik zu been­den. An diese Dinge musste ich mich erst gewöh­nen. Auch die Dia­loge ori­en­tier­ten sich am Voka­bu­lar und Duk­tus der dama­li­gen Epo­che. Ich erin­nere mich, wie ich beim ers­ten Durch­se­hen der Ori­gi­nal­auf­nah­men, in denen Koblet einem Fern­seh­mo­de­ra­tor ein Inter­view gibt, dachte, die bei­den hät­ten ihre Sätze aus­wen­dig gelernt und sagen die jetzt auf, so steif wie die waren. Ich wurde dann eines Bes­se­ren belehrt – die rede­ten tat­säch­lich so.

 

Koblets Kör­per­spra­che ist etwas eff­emi­niert. Es fällt auf, wie er in sei­nen Sie­ges­po­sen den Kopf nach oben schraubt. Wie erklä­ren Sie sich das?

Die vor­her erwähnte “Gefall­sucht“ zeigt sich mei­ner Ansicht nach auch in sei­ner Kör­per­spra­che. Stets zeigt er seine Innen­sei­ten nach aus­sen, ganz sel­ten sieht man ihn in sich gekehrt, immer ist er offen und leicht. Trotz sei­ner impo­san­ten Grösse gibt er wie ein schutz­lo­ser Welpe sei­nen Hals preis und sagt: Schaut her, ich bin harm­los, ich ergebe mich. In die­ser Deut­lich­keit wie bei Koblet habe ich das noch nie gese­hen. Diese Offen­heit, gemischt mit einer wie bei einem Bal­lett­tän­zer stets nach oben stre­ben­den Leich­tig­keit, hat ihm wohl diese unglaub­lich fas­zi­nie­rende Aura ver­lie­hen. Seine Frau Sonja ver­gleicht ihn mit Ika­rus, der zu nah zur Sonne kam und dadurch stürzte. Auch auf mich machte Koblet kei­nen geer­de­ten Ein­druck. Und das Spi­ra­lige in sei­ner Kör­per­spra­che ver­rät auch etwas von der vor­her erwähn­ten Kon­fron­ta­ti­ons­scheu. Ganz im Gegen­satz zu Ferdy Küb­ler übri­gens, die­ser stand immer gerad­li­nig und mit fokus­sier­ten Blick auf dem Podest. Es war sehr span­nend für mich, zu sehen, wie all diese kör­per­li­chen Signale mit den Äus­se­run­gen sei­ner Zeit­ge­nos­sen über sein psy­cho­lo­gi­sches Ver­hal­ten übereinstimmten.

 

Wie haben Sie sich in sport­li­cher Hin­sicht auf die Rolle vorbereitet?

Ich sitze pri­vat eigent­lich sowieso immer auf dem Velo. Ob zum Gipfeli-Kaufen um die Ecke, den Züri­berg hoch oder schnell nach Küs­nacht, wo ich frü­her ins Gym­na­sium bin, in der Stadt und Umge­bung ist es das per­fekte Trans­port­mit­tel. Dann war ich fast ein Jahr lang Fahr­rad­ku­rier in Zürich. So gese­hen ist mir das Velo ver­traut. Auf der Bahn in Oer­li­kon zu fah­ren, war aber schon gewöh­nungs­be­dürf­tig. Die Kur­ven sind teil­weise sehr steil und es kos­tete anfäng­lich etwas Über­win­dung und Mut, mit Star­lauf­rä­dern ohne Brem­sen dort rum­zu­kur­ven. Alois Iten, der Trai­ner der Renn­bahn Oer­li­kon, bei dem ich mit Michael Schwei­zer ein paar Mal ins Trai­ning gegan­gen bin, war aber sehr lieb und gedul­dig und hatte die nöti­gen Tipps parat.